Die Motorradgeschichte steckt voller klingender Namen, die heute kaum jemand mehr auf dem Schirm hat. Marken wie DKW, NSU, Horex oder Puch – sie alle prägten einst die Straßen Europas, brachten technische Innovationen hervor und machten das Motorrad für Millionen Menschen zum Symbol von Freiheit und Mobilität.
In den 1960er Jahren kamen diese Marken aus Deutschland und Österreich durch den stark wachsenden Automarkt und den Big-Playern aus Japan, die immer mehr Motorräder im deutschsprachigen Raum verkauften, wirtschaftlich enorm unter Druck und verschwanden nacheinander. Fragt man heute auf einem Biker-Treffen nach diesen Namen, erntet man oft nur fragende Blicke. Zeit, das zu ändern. Ihre Geschichten sind es wert, erzählt zu werden.
DKW – „Das Kleine Wunder“
Die Geschichte von DKW begann in den 1920er-Jahren in Zschopau, Sachsen. Was als technische Spielerei startete, entwickelte sich rasant: Der dänische Gründer Jørgen Skafte Rasmussen verwandelte einen kleinen Zweitakter in einen Fahrradhilfsmotor, der sich 1921 über 10.000 Mal verkaufte. Der Spitzname „Das Kleine Wunder“ wurde zum Programm. Ende der 1920er zählte DKW zu den ganz großen Motorradherstellern der Welt.
Auch sportlich mischte DKW ganz vorne mit. 1938 gelingt Historisches: DKW gewinnt die Tourist Trophy auf der Isle of Man – als erste nicht-britische Marke überhaupt. Ein Ritterschlag im Motorradsport.
Doch dann kam die Nachkriegszeit, und mit ihr das Wirtschaftswunder. Die Deutschen wollten plötzlich lieber VW Käfer fahren als auf zwei Rädern im Regen stehen. DKW ging in der Auto Union auf, dem Vorgängerunternehmen von Audi, die Motorradproduktion verschwand leise. Heute lebt der Name fast ausschließlich in Oldtimer-Garagen weiter.
NSU – Schnell, als Weltrekordhalter erfolgreich und am Ende zu mutig
NSU aus Neckarsulm war in den 1950er-Jahren eine echte Macht: 1955 rollten 350.000 Motorräder vom Band – ein historischer Höchstwert. NSU stand für Technik, Qualität und sportlichen Ehrgeiz. Auch Rupert Hollaus war auf NSU unterwegs, mehr dazu findest du in unserem Blogbeitrag „In Schräglage – österreichische Helden im Motorradrennsport„. Mit der legendären Sportmax feierte die Marke große Erfolge. Und auf den Bonneville-Salzseen in den USA knackte Wilhelm Herz 1956 mit einer NSU schon damals die 330-km/h-Marke.
Doch auch NSU traf der Wandel hart. Der Motorradmarkt brach ein, das Unternehmen setzte alles auf die Karte Automobil – doch diese Rechnung ging nicht auf. 1969 wurde NSU wie DKW in die Auto Union integriert, der Markenname verschwand. Das letzte Fahrzeug mit NSU-Logo war ein Pkw, der futuristische Ro 80. Danach: Schluss.
Horex – Die Kultmarke mit mehreren Leben
Horex ist nie Massenware gewesen, sondern immer ein bisschen Charakter. Gegründet 1923, stand die Marke für hochwertige, leistungsstarke Motorräder „Made in Germany“. Modelle wie die Regina hatten bereits in den frühen 1950er-Jahren Kultstatus.
Doch auch Horex wurde vom Wirtschaftswunder überrollt. 1960 übernimmt Daimler-Benz die Werke – und beendete die Motorradproduktion.
Das Besondere bei Horex: Es gab tatsächlich einen Neustart. 2012 stellte die neu gegründete Horex GmbH die VR6 vor, einen atemberaubenden, coolen 1200er-Sechszylinder. Doch die Käuferschicht für solche Superbikes war zu dünn. 2014 folgte die Insolvenz. Heute hält die 3C-Carbon-Gruppe die Markenrechte und produziert in Kleinstserien – auf der Website von Horex können die Regina und die VR6 vorreserviert bzw. für die individuelle Produktion angefragt werden.
Puch – Österreichs vergessener Stolz
Für uns in Österreich ist Puch mehr als nur ein Markenname. Johann Puch gründete 1899 in Graz seine Werkstatt. Was folgte, ist Industriegeschichte. Über Jahrzehnte prägen Puch-Fahrzeuge das Land – vom Motorrad über das Moped bis zum Fahrrad. Ab 1954 revolutionierte das Unternehmen mit der MS 50, der „Stangl-Puch“, den Moped-Markt, später weiterentwickelt als die legendäre MV 50, gerne auch „Postler-Moped“ oder „Polizei-Moped“ genannt. Die Puch Maxi ist das wohl berühmteste Mofa, geliebt für ihre Unverwüstlichkeit und das ikonische Design. Millionenfach produziert ist sie bis heute ein absoluter Kult-Klassiker.
Doch auch hier war der Wandel nicht aufzuhalten. 1987 wurde die Zweiradproduktion in Graz eingestellt, die Markenrechte gehen später an Piaggio. Eine Ära endete – aber der Mythos bleibt. Kaum eine Marke weckt heute noch so viel Nostalgie wie Puch.
Und heute? China rollt an
Das Spannende ist: Auch heute erleben wir einen Umbruch, der an die 1960er erinnert – nur kommen die Herausforderer diesmal nicht aus Japan, sondern aus China. Marken wie CFMoto, Voge, Zontes oder QJ Motor haben in den letzten Jahren enorm aufgeholt. 2025 verzeichneten sie in Österreich hohe Zuwachsraten bei den Neuzulassungen.
Dahinter steckt eine klare Strategie: technisch hochwertige Motorräder mit TFT-Displays, Kurven-ABS und Schaltassistenten – zu extrem attraktiven Preisen.
Dazu kommen clevere Kooperationen: CFMoto arbeitet mit KTM zusammen, Voge mit BMW, QJ Motor hat Benelli übernommen. Das Muster kennen wir vom Automarkt, und es funktioniert auch auf zwei Rädern. Und auch die Elektro-Mobilität hat unaufhaltsam Einzug gehalten – auch hier sind etablierte Hersteller aus Europa gefordert, die vom Markt gewünschten Modelle auf den Markt zu bringen.
Die Frage, die sich stellt: Werden europäische Traditionsmarken unter dem Druck aus Fernost ähnlich zu leiden haben wie einst DKW und NSU? Oder haben sie aus der Geschichte gelernt?
Fazit
Vergessene Motorradmarken sind keine toten Marken. Ihr Erbe lebt in der DNA moderner Motorräder weiter – ob in den Zweitakt-Grundlagen von DKW, der Geschwindigkeitsphilosophie von NSU oder der Moped-Kultur, die Puch in Österreich begründet hat. Und wer beim nächsten Ride die linke Hand zum Gruß hebt, grüßt damit auch die Pioniere von einst.
Die Geschichte zeigt: Nicht Innovation allein entscheidet, sondern wie gut man sich an veränderte Märkte anpasst. Das galt in den 1960ern – und das gilt heute genauso.
Die Linke zum Gruß
Gernot vom Team I love my moped
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Fotocredit: Adobe Stock








